
Jacobien Vlasman Quintett
feat.:
Jan von Klewitz (sax)
Kai Brückner (guit)
Johannes Gunkel (bass)
Rainer Winch (drums)
„Vitrine Vocale“
Jazzthing Next Generation Vol. 23
Brauchen wir wirklich die – gefühlt – tausendste Version von Jobims „Girl from Ipanema“? Wenn sie so sauber dekonstruiert daherkommt wie in der Interpretation durch das Jacobien Vlasman Quintett, dann unbedingt! Zuerst wird der Standard kurz und bündig scheinbar nach dem Lehrbuch durchexerziert, dann genüsslich weiter in seine musikalischen Bestandteile zerlegt, aus denen schließlich eine Gegenversion entsteht, die sich gewaschen hat. Die brasilianische Strandnixe schlägt zurück, und zwar mit Nachdruck. Jacobien Vlasman läßt die Klischee gewordene Bikinischönheit in eine neue, realistischere Rolle schlüpfen: Aus dem sprachlosen Objekt der Begierde wird ein Subjekt, das sich mit einiger Bitterkeit zu artikulieren weiß. Aus der Projektionsfläche wird ein Charakter. Die junge Frau hat es offenbar gründlich satt, den Okularen geifernder Gaffer ausgesetzt zu sein, andererseits braucht sie den Catwalk am Strand, um sich den einen alten Sack zu angeln, der mit seinem Vermögen ihr künftiges Überleben sichert. Der Körper als Kapital und Altersvorsorge. Das ist nicht nur brasilianische Realität und hat mit Strand und Samba mehr zu tun, als dem gemeinen Fußwipper und Fingerschnipper lieb ist.
Dieser Opener aus dem neuen Album des Jacobien Vlasman Quintetts ist gewissermaßen programmatisch. Man beherrscht das vermeintliche Standard-Vokabular, buchstabiert es zur Ortsbestimmung kurz durch, sucht dann aber schleunigst eigene, vorzugsweise gegenläufige Wege. Zu den Standards gehören für den Jazz ja nicht erst seit The Bad auch die Preziosen des Pop. Bill Withers' „Ain`t no sunshine“ erfährt eine ebenso souveräne wie freundliche Übernahme für die weibliche Stimme, wie auch die großartige Schlussnummer des Albums, „Under the Cherry Moon“ von Prince, in beinahe surrealer Zeitdehnung als saftige Schattenmorelle leuchtet.
Jacobien Vlasman komponiert, textet und arrangiert selbst, was für Jazz-Vokalisten nicht unbedingt die Regel ist. So bilden denn auch die Eigenkompositionen die tragenden Streben dieses Albums: „Who are we to judge“, das einfühlende Portrait eines altersdementen Mannes – nicht gerade ein gängiges Sujet für heutigen Vocal-Jazz. „I stepped into your dream“, ein hintergründiges Lullaby. „Free Fall“, der freie Fall in wortlosen Vokalisen. Sowie die „Ballade for a young dead man“ - Epitaphe bleiben grundsätzlich unkommentiert.
Jacobien Vlasman wuchs in Amsterdam auf, lebt jedoch mittlerweile in Berlin, was ihr offenbar bisher nicht geschadet hat. Ihre Stimme verfügt über sämtliche Register zwischen rauchig gehauchter Bar-Attitüde und akademisch exakter Zeichensetzung. Sattes Crooning oder geschmeidiger Scat: die Mittel sind vorhanden. Dass Jacobien sie auch freimütig einsetzen kann, verdankt sie einem hochkarätig besetzten Ensemble: Kai Brückner, ein Gitarrist, der kammermusikalische Minimalakzente ebenso beherrscht wie das effektvoll angereicherte Breitwandformat; Rainer Winch am Schlagzeug gleichermaßen Uhrwerk wie Diffusor; Jan von Klewitz – virtuose Saxofon-Arabesken wie auch kalkulierte Kontrapunkte zum Sologesang; Johannes Gunkel am Bass – schlank und wendig, kein Schritt jenseits seiner Spur. So sind denn auch in diesem äußerst homogenen Quintett immer wieder vor allem die solistischen Improvisationsstrecken Ereignisse von großer gestalterischer Intelligenz und lebendiger Spielfreude.
„Vitrine Vocale“ - das ist das Spiel mit den in Glaskästen ausgestellten Rolemodels. Verlässliche Figuren, bekannte Rollen. Schmuckstücke, schön anzusehen. Wirklich interessant aber werden die Vitrinen mit den ersten Haarrissen im Glas, wenn das Licht sich überraschend bricht und die Dinge plötzlich anders leuchten. Jacobien Vlasman in ihrem Quintett versteht offenbar sehr viel von diesen Lichteffekten.